Mein Hund ist im Winter unausgeglichen – woran liegt das?
- Lily Kuhn
- 28. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Im Winter höre ich diesen Satz besonders oft:„Irgendwie ist mein Hund gerade ganz anders. Unruhig, schneller gereizt, schlechter ansprechbar.“
Und nein – das bildest du dir nicht ein.Viele Hunde reagieren auf die Wintermonate sensibler, als wir denken. Das hat weniger mit „fehlender Auslastung“ zu tun und viel mehr mit Biologie, Umwelt und innerer Regulation.
Schauen wir uns das in Ruhe an.
Winter verändert mehr als nur das Wetter
Der Winter bringt für Hunde gleich mehrere Veränderungen mit sich – oft gleichzeitig:
weniger Tageslicht
kältere Temperaturen → körperliche Anspannung
veränderte Spaziergehzeiten
mehr Enge in der Umwelt (Wege, Begegnungen, Stadt)
weniger natürliche Reize wie Gerüche, offene Flächen, Ruheorte
Das Nervensystem vieler Hunde reagiert darauf mit erhöhter Grundanspannung.
Studien aus der Stressforschung zeigen: Wenn äußere Bedingungen weniger vorhersehbar und kontrollierbar sind, steigt die Aktivierung des Stresssystems – auch ohne „akuten Auslöser“ (McEwen, 2007).
Weniger Licht, andere Hormone
Wie bei uns Menschen beeinflusst auch bei Hunden der Licht-Dunkel-Rhythmus die hormonelle Balance.
Weniger Tageslicht bedeutet:
veränderte Melatonin-Ausschüttung
Einfluss auf Schlaf-Wach-Rhythmus
geringere Stresspuffer-Kapazität
Das kann sich äußern in:
schnellerer Reizbarkeit
mehr Wachsamkeit
schlechterem Abschalten
Gerade sensible Hunde oder solche mit Angstthemen reagieren hier besonders deutlich (Nelson et al., 2005).
Körperliche Anspannung = emotionale Unruhe
Kälte wirkt nicht nur auf die Haut – sondern auch auf:
Muskulatur
Bewegungsabläufe
Körperwahrnehmung
Viele Hunde bewegen sich im Winter vorsichtiger oder angespannter. Diese körperliche Spannung kann sich direkt auf das emotionale Erleben übertragen.
Aus neurobiologischer Sicht sind Körperzustand und Emotion eng miteinander verknüpft – Spannung im Körper erhöht die Wahrscheinlichkeit für Stressreaktionen (Panksepp, 2005).
Weniger Reize heißt nicht automatisch Entlastung
Ein häufiger Trugschluss:„Im Winter ist draußen weniger los – das müsste meinem Hund doch guttun.“
Tatsächlich erleben viele Hunde:
weniger freie Schnüffelmöglichkeiten
kürzere Spaziergänge
mehr gleichförmige Abläufe
Das kann zu innerer Unterforderung bei gleichzeitiger äußerer Überforderung führen – eine ungünstige Kombination.
Besonders Hunde aus dem Tierschutz oder solche mit unsicherer Lerngeschichte reagieren darauf oft mit:
Unruhe
Frustration
gesteigertem Kontrollverhalten
Was jetzt wirklich hilft
🌿 1. Druck rausnehmen
Nicht jeder Wintertag muss „produktiv“ sein.Weniger Anspruch an Training, Begegnungen oder Leistung kann enorm entlasten.
🐾 2. Struktur statt Spontanität
Gleiche Zeiten, ähnliche Routen, klare Rituale geben Sicherheit.Vorhersehbarkeit senkt nachweislich Stress (Beerda et al., 1998).
🧠 3. Ruhige, regulierende Beschäftigung
Statt Action:
Nasenarbeit
erarbeitetes Futter
kurze Denkaufgaben
ruhige Körperarbeit
Alles, was Fokus fördert ohne hochzufahren.
🛏️ 4. Ruhe begleiten – nicht erzwingen
Manche Hunde brauchen im Winter mehr Unterstützung beim Runterfahren.Rituale, Nähe (wenn gewünscht) und ein verlässlicher Ruheort helfen dem Nervensystem, wieder in Balance zu kommen (Uvnas-Moberg & Petersson, 2005).
Wann du genauer hinschauen solltest
Wenn dein Hund:
dauerhaft stark verändert wirkt
aggressiver oder sehr ängstlich reagiert
kaum noch zur Ruhe findet
… lohnt sich ein genauer Blick auf:
Stressquellen im Alltag
körperliche Faktoren
emotionale Bedürfnisse
Nicht alles ist „winterbedingt“ – aber der Winter kann bestehende Themen verstärken.
Du musst da nicht allein durch
Winter ist keine Trainingspause – aber oft eine Phase des Anpassens. Wenn du unsicher bist, was deinem Hund gerade wirklich hilft:
Gemeinsam finden wir einen Winterrhythmus, der deinem Hund Stabilität gibt – ohne Überforderung.



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